Liebstes und verhasstes Lima,
Einen Monat ist es her, dass ich dich verlassen musste-
schneller als erwartet und anders als erwartet.
Knapp ein Jahr durfte ich in dir leben, dich von deinen
schönsten und auch von deinen hässlichsten Seiten kennenlernen.
Da waren die Wellblechhütten, die die ersten fünf Monate die
Umgebung rund um mein neues Zuhause schmückten. Der Staub und die kläffenden
Straßenhunde.
Da war der Verkehr, verbunden mit der Angst, jeden Moment
überfahren zu werden, mit den schwarz rauchenden Auspuffen der vielen Busse,
der einem jeden Moment den Atem zu nehmen schien. Müll, der wie der Sand des
Ufers eines Flusses rechts und links an den Straßen lag.
In den letzten Monaten erlebte ich dich nur noch grau, der
Winter hatte dich fest in seinen Händen und nur selten ließ die Sonne sich
durch die dicke Smogschicht blicken.
Ich hatte einige der schwersten Tage in diesem Jahr.
Tage, in denen ich kaum aus dem Bett kam, weil mich sofort
das Herzrasen überfiel. Weil ich wusste, dass man mich auf der Arbeit nur
wieder den Fußboden und die Toiletten schrubben lassen würde, während ich mich
anschreien lassen müsste. Weil ich so häufig krank war.
Weil meine Familie und viele meiner Freunde beinahe am
anderen Ende der Welt auf mich warteten und mich in die Arme nehmen würden,
wenn sie es nur könnten.
Und letztendlich, weil man mir einen Teil meines Glaubens an
die Gerechtigkeit nahm, als ich grundlos vor die Tür gesetzt wurde und dich
innerhalb von drei Tagen verlassen musste, ohne mich noch einmal richtig von
dir verabschieden zu können.
Aber ich bin dir auch so dankbar - für die Erfahrungen, die
ich machen konnte.
Du hast mir eine völlig neue Kultur gezeigt, eine andere Art
des Lebens und wie wertvoll all das ist, was ich bereits habe.
Es ist so viel einfacher zu sehen, was einem noch zu seinem
Glück fehlt als das, was man schon besitzt. Wenn mich die Kinder in der Schule
fragten, ob ich auch eine Mutter und einen Vater hatte, sagte ich die ersten
Male noch „Ja, natürlich“. Bis mir klar wurde, dass es eben nicht natürlich ist.
Ich habe Glück, so eine große Familie zu haben, die immer
für mich da ist und mich auffängt und mich von ganzem Herzen liebt.
Ich habe Glück, eine Bildung zu haben, die mir so viele
Perspektiven eröffnet und Glück, dass unsere Politik nicht von Korruption
beherrscht und unterdrückt wird.
Ich danke dir, dass du mir gezeigt hast, wie es sich
anfühlt, frei zu sein. Ich danke dir für die Zeit an deinen Stränden, an denen
an nichts denken musste, die Sonne auf meiner Haut kitzeln lassen und abends pünktlich um 6 deine spektakulären Sonnenuntergänge genießen konnte.
Ich bin dir dankbar, dass du mir deine Vielfältigkeit und
dein Wesen voller Gegensätze gezeigt hast.
Ich bin so froh, die atemberaubenden Landschaften deines
Landes gesehen zu haben und Ruinen, die längst verlassen sind und doch von ihrer
Magie nichts verloren haben.
Menschen, die nichts haben und trotzdem alles teilen.
Menschen, die ein ehrlicheres Lachen haben als viele von
uns, obwohl sie schon so viel haben ertragen müssen.
Menschen, die mir ihre Tür geöffnet haben und mir sagten,
ihr Zuhause sei auch meins.
Und den einen Menschen, der mir gezeigt hat und immer noch
zeigt, was wirklich wahre Liebe ist.
Lima, du bist eine Stadt, die mich sprachlos macht, denn
keine Worte der Welt können dich beschreiben.
Ich bin glücklich, ein Jahr meines Lebens Teil von dir
gewesen zu sein und werde dich und deine Leute immer in meinem Herzen tragen.
Danke, Lima, ich habe viel von dir gelernt und ich
verspreche dir, ich werde wiederkommen!